ZINSMEINUNG VON MARIO RÜDEL 2016 | „ZINS- UND GELDPOLITIK DER NOTENBANKEN – DAS OPIUM DER KAPITALMÄRKTE“

Beratung 26. Januar 2016

Kommt die große Zinswende auch in Europa oder ist die Erhöhungsoffensive der amerikanischen Fed nur ein regionales „Phänomen“? Die Märkte verfolgen gespannt jede Regung der Notenbanken weltweit.

Geldpolitik 2015

Gefühlt war das (Zins-)Jahr 2015 vor allem von dem Streit um die Rettung Griechenlands sowie den vielfachen Grexit-Drohungen geprägt. Garniert wurden diese Themen vom Warten der EZB auf die Inflation sowie dem Preisverfall des Rohöls.
Eine der großen Sorgen der Deutschen war und ist eine hohe Inflation: Steigen die Preise mehr als die Löhne und Zinsen, sinken die Ersparnisse und das Sparen lohnt sich nicht mehr. Umgekehrt ist es in Zeiten hoher Inflation sinnvoll, (mit Vernunft) zu investieren und sich zu verschulden – denn auch die Schulden werden mit der Geldentwertung kleiner.
Derzeit sind diese Sorgen, sehr zum Leidwesen der EZB, unbegründet. Die Notenbanken weltweit haben nach der tiefen Finanzkrise seit 2007 die Zinsen immer weiter gesenkt, mit dem Ziel, Geld billiger zu machen und die Inflation zu erhöhen.
Weil das offensichtlich nicht reichte, griff EZB-Chef Mario Draghi im Jahr 2015 zu einem drastischen Mittel:
Er legte ein Anleihekaufprogramm in Höhe von 1,5 Billionen Euro auf – umgangssprachlich Bazooka genannt.

Seit März 2015 kauft die EZB jeden Monat für 60 Mrd. Euro Staatsanleihen von Euroländern und bläht ihre Bilanz immer weiter auf. Fakt ist jedoch, dass mit den angekündigten Käufen von kreditbesicherten Wertpapieren die EZB die Ausfallrisiken der Banken übernimmt und auf die Steuerzahler umwälzen wird. Die Ausmaße daraus sind nicht abzusehen.
Nicht wenige Marktteilnehmer geben der EZB die Graduierung „bad bank“.

Wirtschaftslage USA

Die Konjunktur- und Inflationsentwicklungen in den USA sind zwar immer noch nicht gut, allerdings deutlich besser als in Europa. Die lang erwartete Entscheidung der Fed den Leitzins nun endlich zu erhöhen, wurde in 2015 ebenfalls noch vollzogen.
Der Leitzins soll künftig in einer Bandbreite von 0,25 % bis 0,5 % schwanken. Die Spanne der Zinsen zuvor war mit 0,0 % bis 0,25 % vorgegeben, was meist einfach als Nullzins bezeichnet wurde.
Nach den Angaben von Fed-Chefin Janet Yellen soll es in vorsichtigen Schritten weitergehen. Die USA-Wirtschaft profitiert von der Rückkehr zur Vollbeschäftigung und wird hauptsächlich vom privaten Verbrauch getragen.

Die Wachstumsrate wird für 2016 zwischen 2,0 % und 2,5 % erwartet. (2015: + 2,5 %).
Aber ist die amerikanische Konjunktur wirklich so robust wie sie auf den ersten Blick ausschaut? Reicht diese moderate Erholung um die Zinsen wieder anzuheben? Die letzten Indikatoren wie der Einkaufsmanagerindex deuten auf eine Abkühlung in den USA hin.

BRIC-Staaten

Große Fragezeichen werfen auch die Konjunkturen in China, Russland und Brasilien auf. Jedes dieser Länder hat mit eigenen Problemen zu kämpfen. Positiv fällt hier allenfalls die Volkswirtschaft Indien auf. Aktuell weiter fallende Rohstoffpreise tragen indes nicht wirklich zur Beruhigung bei.

Viele Volkswirtschaften sind auf Grund der fallenden Rohöl Notierung angezählt. Sie könnten als Nachfrager auf den globalisierten Märkten deutlich zurückhaltender auftreten. Nicht wenige Marktakteure sind derzeit völlig ratlos. Die Wiederaufnahme der Ölförderung des Iran wird die Notierungen wahrscheinlich weiter sinken lassen und die
Situation in den Öl-Nationen weiter verschärfen. Verunsicherung und Kursturbulenzen an den Kapitalmärkten wie Anfang Januar 2016 sind die Folge daraus. Nachdem sich zumindest nunmehr das Griechenlanddrama mehr und mehr aus dem (oberflächlichen) täglichen Medienbild verabschiedet hatte, lasteten vor allem die „China-Ängste“ im aktuellen Umfeld schwer auf den Märkten und den europäischen Unternehmen.

So gehen nun schon seit mehreren Monaten die Exporte aus China im Vergleich zum Vorjahr zurück. Parallel dazu importiert China weniger, was auf eine sich abschwächende Binnennachfrage hindeutet. Experten befürchten daher, dass die chinesische Wirtschaft weiter an Fahrt verliert und die Weltwirtschaft negativ beeinflussen könnte.

Inflation und Geldpolitik 2016

Diese Vorzeichen verhießen für die globalwirtschaftlich abhängige Euro-Zone weitere monetäre Lockerungsmaßnahmen.
Auf den Wunschzetteln der Investoren stehen dabei die weitere zeitliche Verlängerung des Anleihekaufprogramms, eine allenfalls moderate Senkung des Einlagesatzes und insbesondere sogar eine weitere Aufstockung des monatlichen Kaufvolumens.
Die Volatilität und Nervosität an den Märkten ist dabei sehr hoch. Als die Europäische Zentralbank (EZB)
Anfang Dezember 2015 beschloss das Ankaufvolumen erst einmal bei 60 Mrd. Euro pro Monat zu lassen, schnellte die Rendite der 10-jährigen Bundesanleihe von 0,47 % auf 0,70 % nach oben. Die 2-jährige Bundesanleihe orientierte sich am neuen „Strafzins“ für Bankeinlagen bei der EZB und kletterte auf minus 0,30 %.

Die Taktik der EZB den Markt mit Geld zu überschwemmen geht dabei (noch) nicht auf. Im November lag die Inflationsrate nochmals unter dem Vorjahr. Die Inflation ist und bleibt damit weit entfernt vom EZB-Ziel von „knapp 2 %“. Durch den Basiseffekt des Ölpreises dürfte die Teuerung zu Jahresbeginn 2016 zwar deutlich anspringen, um danach wieder auf tiefere Werte zu fallen. Das aktuelle Umfeld der Ölpreisentwicklung dürfte sein Übriges dazu beitragen.
Insgesamt bleibt damit die Preisentwicklung angesichts der niedrigen und möglicherweise weiter fallenden Rohstoffpreise und der nach wie vor hohen Arbeitslosigkeit das Sorgenkind der EZB. Die Deflationsängste aus dem Jahr 2015 haben sich derzeit zumindest jedoch verflüchtigt.

Die Überschussliquidität im Bankensektor bleibt in hohen Volumen bestehen und hält den 3-M-Euribor wahrscheinlich weiterhin im negativen Bereich. Dass die Fed-Entscheidung Auswirkungen auf das lange Ende der Zinslandschaft hat, ist denkbar.
Doch steht das Anleihenkaufprogramm der EZB größeren Aufwärtsbewegungen entgegen – bis mindestens März 2017 wird die EZB nun als Käufer am Markt auftreten und so zu einem anhaltenden Liquiditätsüberschuss beitragen. Dies bedeutet: Die EZB wird das monetäre Gaspedal weiter voll durchtreten. Sie dürfte erst aufhören, wenn die Inflationsraten bzw. -erwartungen wieder den Zielwert von knapp 2 % erreicht haben.

Fazit

Die künstliche Geldschwemme führt weiterhin zu extremen Verzerrungen für Kreditgeber und Kreditnehmer.
Der Zins als Regulierungsinstrument hat fast vollständig ausgedient. Insbesondere die Geschäftsmodelle der Banken müssen derzeit neu ausgerichtet werden.
Doch Vorsicht ist auch auf der Investorenseite geboten: Teils unrentable Projekte erscheinen durch die niedrigen Zinsen wieder rentabel. Der Zins darf nur Teil einer Investitionsentscheidung sein und somit ist eine sorgfältige Investitionsabwägung mittel- bis langfristig die beste Strategie für alle Vermögensklassen. Ganz vorsichtige Akteure sichern sich 10-jährige Zinsbindungen aktuell zu einem sehr günstigen Satz. Kurzfristige Spekulanten mit guten Nerven können im kurz- bis mittelfristigen Bereich von wahrscheinlich weiter nachgebenden Zinsen profitieren.

Zinstrend

Zinstrend 2016

 

Die Zinsmeinung steht hier als Download zur Verfügung.

 

 


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