ZINSMEINUNG VON MARIO RÜDEL 2019 | „DIE GROSSE ZINSWENDE ODER DOCH NUR ALLES BEIM ALTEN?“

Beratung 24. Januar 2019

Lesezeit: 7 Minuten

Zinsmeinung 2019

Das Jahr 2018 dürfte für viele Anleger als kein Gutes in Erinnerung bleiben. Erstmals seit 2015 musste Deutschland im dritten Quartal 2018 wieder eine schrumpfende Wirtschaftsleistung hinnehmen. Besonders schmerzhaft war dabei ein außergewöhnlich starker, negativer Impuls des Außenhandels. Dieser war nicht nur der Anpassung der globalen Nachfrage, sondern auch den (hausgemachten) Schwierigkeiten in der deutschen Autoindustrie geschuldet.

Dies rührte hauptsächlich aus den Schwierigkeiten sich auf einen neuen Abgas- und Verbrauchsmessungsstandard WLTP einzustellen. Entsprechend waren auch viele Zulieferer der Branche betroffen. Zudem war die Rückkehr alter Bekannter wie der Volatilität an den Märkten, steigende Zinsen in den USA, Handelskonflikte sowie Konjunktursorgen zu bewältigen. Der Dax verlor in diesem Umfeld fast 20 % an Wert. Die internationalen Börsen waren kaum besser.

Spöttisch könnte man behaupten, dass wir wieder in der Realität ankommen. Festzustellen bleibt zumindest, dass das weltwirtschaftliche Klima rauer werden dürfte, wenngleich nicht mit einer echten harten Rezession zu rechnen ist.

Notenbanken – der große Schatten der Vergangenheit

Für die Europäische Zentralbank sind dies eher keine guten Nachrichten, denn erst im Oktober 2018 hat sie die monatlichen Netto-Anleihenkäufe auf 15 Mrd. Euro gedrosselt. Im Dezember wurde gar der Nettoerwerb im Rahmen des Programms zum Ankauf von Vermögenswerten durch Mario Draghi für beendet erklärt. Aussagen zu einer potentiellen Anhebung der Leitzinsen nach dem Vorbild der USA bleiben beim EZB-Präsidenten jedoch äußerst vage. Immerhin ist davon auszugehen, dass das Ende des Kaufprogramms von Staatsanleihen die Verzerrung am Markt etwas verringern.

Größere Auswirkungen an der Zinsfront sollte man jedoch nicht erwarten, da die Inflationsrate jüngst wieder rückläufig war. Die Wachstumserwartungen für 2018 und 2019 wurden von der EZB bereits gesenkt. Gleiches gilt für die Inflationserwartungen die im Jahr 2020 bei 1,7 %, und 2021 bei nur noch 1,5 % gesehen werden. Dies liegt etwas unterhalb der von der EZB gewünschten Zielmarke von 2 %.

Gepaart mit den später noch skizzierten Risiken im europäischen und globalen Kontext ist dies kein Umfeld für deutlich spürbare Zinssteigerungen in Euroland. Das Dilemma liegt auf der Hand: Lässt sich die EZB mit dem Abschied von der extrem lockeren Geldpolitik zu viel Zeit, beschwört sie zwei Gefahren herauf: Zum einen nimmt das Risiko von Fehlentwicklungen und Blasenbildung in vielen Assetklassen zu, darüber hinaus gäbe sie im Fall eines Konjunkturabschwungs wichtige Handlungsoptionen schon heute aus der Hand.

Klar ist jedoch, dass die EZB in der Boomphase nicht genug „vorgesorgt“ hat, sodass der Leitzins kein adäquates Werkzeug mehr darstellt, um wirksam auf eine Abkühlung zu reagieren. Zumindest die Bundesregierung sorgt bereits selbst vor und bringt mit Finanzminister Olaf Scholz erste Steuererleichterungen für Privatleute und Unternehmen ins Gespräch. Hier ruht die Hoffnung längst nicht mehr allein auf der EZB.

Wahrscheinlich dürfte diese das Anleihekaufprogramm im Falle einer deutlichen konjunkturellen Abkühlung in gewissem Rahmen wieder aufnehmen, um schwache Eurostaaten zu stützen. Viele Euroländer haben selbst nicht das erforderliche Werkzeug um selbst von Staatsseite wirksam eingreifen zu können, da sie noch mit den Folgewirkungen der Finanzkrise zu kämpfen haben.

USA (mal wieder) als Vorbild?

Anders ist der Sachstand in den USA: Dort schritt die amerikanische Fed (Notenbank) im Jahr 2018 mutig zur Tat und setzte die angekündigten drei Zinserhöhungen in die Praxis um. Weitere sollten eigentlich folgen, denn die USA blicken auf ein Boom-Jahr zurück. Der Zuwachs im BIP hat sich auf voraussichtlich 2,9 % beschleunigt.

Angefeuert wurde dieses Wachstum jedoch durch die zu Jahresbeginn in Kraft getretenen Steuersenkungen. Die Gefahr eines Strohfeuers ist enorm. Die Maßnahmen zeigen an den Bondmärkten ihre Wirkung: Im Ergebnis pendelte die Rendite zehnjähriger deutscher Staatsanleihen ab dem Frühsommer bei ca. 0,40 %, während sich die Rendite vergleichbarer US-Staatsanaleihen etwa um die vielbeachtete 3 % Marke bewegte. Damit lag der Renditevorsprung der US-Treasuries gegenüber deren deutschen Pendants auf einem 30-Jahreshoch. Hier erscheint der Handlungsspielraum im Falle einer sich abkühlenden Konjunktur deutlich größer als in Euroland.

Von Verrückten und wahnsinnigen Altlasten

Viele Marktteilnehmer gehen dagegen aufgrund nachlassender Dynamik in den (globalen) Konjunkturdaten und vielen latenten Krisenherden derzeit von einer weniger straffen zukünftigen US-Geldpolitik aus. Für eine straffere Geldpolitik oder eine Fortsetzung der Zinsanhebungen wäre schon ein deutlich zunehmender Inflationsdruck erforderlich, der sich bisher, z.B. gemessen an der Lohndynamik am US-Arbeitsmarkt, nicht abbildet.

Genährt wurden diese Spekulationen vom Präsidenten der US-Notenbankfiliale in Atlanta, Raphael Bostic, welcher für das laufende Jahr nur noch eine Zinserhöhung und nicht zwei, wie zuletzt noch von der Fed avisiert, empfahl. Der Ausgang der Gespräche im Handelskonflikt mit China sollte seiner Meinung nach Einfluss auf die Zinspolitik haben.

Hinsichtlich der zukünftigen Zinserhöhungen warnt Fed-Chef Powell vor Aktionismus. „Und insbesondere bei den verhaltenen Inflationswerten, die wir gesehen haben, werden wir geduldig sein und beobachten, wie sich die Wirtschaft entwickelt“, so Powell. Für zusätzliche Irritationen sorgte Donald Trump mit seinen Äußerungen, die Fed sei „verrückt geworden“. Sie konterkariere mit ihrer restriktiven Geldpolitik die fiskalische Expansion der Trump-Regierung.

Trotzdem rentieren zehnjährige US-Staatsanleihen heute mit ca. 2,9 % und damit deutlich höher als noch Mitte 2016 (1,3 %). Steigende Zinsen sind eine zutiefst verinnerlichte Angst vieler Marktteilnehmer, da diese tendenziell schlecht für die Bewertung von Unternehmen und damit für die Aktienmärkte sind. Noch immer hat die Fed US-Staatsanleihen im Wert von 2,3 Bio. USD in den eigenen Büchern. Eine Bewältigung dieser enormen „Altlasten“ dürfte die FED noch sehr lange beschäftigen.

Von Risiken und Nebenwirkungen

Dabei nehmen insgesamt die Konfliktpotentiale keineswegs ab. Innerhalb Europas könnten gleich mehrere Krisenherde für Konjunktur und Finanzmärkte wieder angefacht werden.

Nachdem sich das britische Unterhaus am 15. Januar gegen den von Premierministerin Theresa May mit der Europäischen Union (EU) ausgehandelten Brexit-Deal entschieden hat, ist die Angst vor einem unkontrollierten Brexit im März akut. So sieht es auch Hubertus Väth, Geschäftsführer der Finanzplatzinitiative Frankfurt Main Finance: „Die Ablehnung des Austrittsabkommens durch das britische Parlament erhöht die Unsicherheit für alle wieder deutlich. Kein Szenario – vom No-Deal-Brexit bis zu Neuwahlen oder einem zweiten Referendum oder dem Stopp des Brexit – kann derzeit ausgeschlossen werden.“ Im schlimmsten, wenngleich nicht allzu wahrscheinlichen, Fall könnte am 29. März ein „Hard Brexit“ ohne Vereinbarung und mit unkalkulierbaren Folgewirkungen stehen.

Klar ist jedoch, dass der Brexit, ob geordnet oder ungeordnet, nur Verlierer kennt, da bestehende langjährige Strukturen zerrissen und kostspielige Anpassungsmaßnahmen für die Unternehmen notwendig werden. Noch gravierender könnten jedoch die langfristigen Folgen eines Brexits wirken. Ohne eine gemeinsame Strategie auf EU-Ebene droht Europa im Wettbewerb mit den beiden Großmächten USA und China die wirtschaftliche Bedeutungslosigkeit.

Mit Italien rückt die in den Hintergrund getretene Schuldenproblematik einiger Euroländer wieder stärker ins Blickfeld. Die Regierungskoalition in Italien setzt im Konflikt mit der EU auf offene Konfrontation und plant mit 2,4 % des BIP für 2019 ein deutlich höheres Defizit als von der Vorgängerregierung veranschlagt. Damit bleibt Italien in der EU das aktuelle Sorgenkind Nr. 1. Die Angst, dass sich andere EU-Problemschüler wie Italien verhalten könnten sorgt für zusätzliche Verunsicherung.

Dritter Unsicherheitsfaktor im Bunde ist der Handelskonflikt zwischen China und den USA, der den Märkten im Jahr 2018 bereits gehörig Angst und Schrecken eingejagt hat. Protektionismus, angefacht durch Trumps Drohungen in Form von Kurznachrichten, bildet den Nährboden für Unsicherheit und Chaos.

Es ist davon auszugehen, dass Handelshemmnisse zwischen Industriestaaten nur Verlierer hervorbringen dürfte. Auch wenn in diesen Tagen wieder versöhnlichere Töne angeschlagen werden, bleibt die Lage angespannt und könnte jederzeit wieder eskalieren.

Alles in allem ergeben diese Zutaten einen gefährlichen Giftcocktail, der nicht zuletzt aufgrund der seit der Finanzkrise weltweit stark gestiegenen Staatsverschuldung ein hochexplosives Gemisch darstellt.

Es bleibt zu hoffen, dass sich eine abschwächende chinesische Konjunktur nicht der „Zündfunke“ für eine negative Kettenreaktion wird. Klar ist jedoch, dass viele internationale Staaten in der konjunkturellen Hochphase kaum Reserven gebildet haben und somit für den nächsten Abschwung nicht oder nur schlecht gewappnet sind. Vor allem Schwellenländer haben mit dem starken Dollar und Ihrer Verschuldung in dieser Währung, im Einfluss des erstarkten Zinsumfeldes in den USA schwer zu kämpfen. Dies hatte bereits im Jahr 2018 einen deutlichen Abzug von Liquidität aus diesen Märkten zur Folge.

 

Fazit und Ausblick: The same procedure as every year

2019 dürfte aufgrund der vielen Unsicherheiten eher von vorsichtiger Abwartetaktik der Notenbanken geprägt sein. Eine aufgrund der schwächeren Weltkonjunktur geringere Exportnachfrage dürfte wiederum auch auf die Investitionen hierzulande dämpfend wirken, die trotzdem auch 2019 – gemeinsam mit dem privaten Verbrauch – ein wichtiger Stabilisierungsfaktor bleiben. Allerdings dürfte die See „rauer“ werden. Dies zeigen schon die sich abschwächenden Einkaufsmanagerindizes die sehr gut als Frühindikator herangezogen werden können.

In diesem Abkühlungs- und Unsicherheitsszenario sind Zinssteigerungen nur schwer vorstellbar. Sollten sich wider Erwarten die Anzeichen für eine Beruhigung der Krisenherde mehren, der Handelskrieg überwunden werden und die Konjunktur sich besser als erwartet entwickeln, werden die Notenbanken verstärkt an einer Fortsetzung der Normalisierung ihrer Geldpolitik arbeiten.

Wie schnell es zu einem Drehen der Zinsen kommen kann zeigt der Zinsanstieg Anfang 2018: Innerhalb von wenigen Wochen stiegen die Hypothekenzinsen um 0,5 Prozentpunkte. Größter Profiteur bleibt der deutsche Staat und auch die Unternehmen, die sich weiterhin sehr günstig refinanzieren können. Für Sparer dürfte dies indes nur wenig ändern. Die Entwertung ihrer Spareinlagen geht trotz relativ niedriger Inflationsdaten ungehindert weiter.

Kluge Anleger, Investoren und Immobilienbesitzer treffen Investitionsentscheidungen ohnehin nicht allein auf Basis des Zinssatzes, sondern sehen immer die langfristige Ertragsperspektive als wichtige Kenngröße, um in Zeiten eines sich normalisierenden Zinsumfelds positive Renditen erwirtschaften zu können. Auf der Zinsseite dürfte somit vieles beim Alten bleiben – Die Zinsen bleiben (vorerst) niedrig! Nicht für jeden ist dies eine positive Nachricht.

 

TENDENZEN ZUR ZINSENTWICKLUNG 2019

Kurzfristig
(1-3 Monate)
stagnierend
Mittelfristig
(4-12 Monate)
stagnierend
Langfristig
(ab 12 Monate)
stagnierend

 

Die Zinsmeinung steht hier als Download zur Verfügung.

 

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Autor: Mario Rüdel

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