ZINSMEINUNG VON MARIO RÜDEL 2018 | „Kommt die langerwartete Zinswende?“

Beratung 18. Januar 2018

Zinsentwicklung

Zum Anfang des Jahres teilt unser Senior Berater Mario Rüdel seine sehr geschätzte Zinsmeinung mit uns. Gerne möchten wir Ihnen mitteilen, wie er die Zinsentwicklung sieht.

Um die Finanzkrise 2008/09 zu bewältigen, hat die Europäische Zentralbank die Zinsen schrittweise immer weiter gesenkt. Ihr Ziel war es, das Wirtschaftswachstum zu fördern und die Inflation in die Nähe der Zielmarke von knapp unter 2 Prozent pro Jahr zu bringen. Aktuell liegt der wichtigste EZB-Zinssatz bei 0 Prozent. 10 Jahre später ist die Sachlage neu zu bewerten.
2017 war ein Jahr welches von der Liquidität der Notenbanken, die Kapitalmärkte zu neuer „Höchstform“ getrieben hat.

Konjunktur in Topform

Die europäische Konjunkturentwicklung war in 2017 überraschend gut. Mit der Abnahme der politischen und wirtschaftlichen Unsicherheitsfaktoren, angefeuert durch den Sieg von Emmanuel Macron in der Stichwahl zur französischen Präsidentschaft am 7. Mai, kam es aus Sicht vieler Markteilnehmer zu einem Wendepunkt. Seitdem hat sich die Stimmung deutlich verbessert und die EU wird auch außerhalb Europas wieder positiver wahrgenommen. Die Inflation ist dabei immer noch kein (Top)-Thema, der Preisauftrieb war gering, obwohl das Jahr 2017 von hoher konjunktureller Dynamik geprägt war.

Statistisch lag die Inflationsrate im November 2017 bei 1,5 Prozent gegenüber dem Vorjahr und damit weiterhin unter dem EZB Preisniveaustabilitäts-Ziel von Angabe gemäß „unter, aber nahe 2
Prozent“. Dies liegt insbesondere an Sondereffekten wie z.B. den Konsumgüterpreisen, die zuletzt gesunken sind.

Das Europäische Umfeld – Licht und Schatten

Zudem herrscht in Europa im Eurozonendurchschnitt mit 8,8 Prozent eine immer noch relativ hohe Arbeitslosigkeit. Hier gibt es jedoch auch Lichtblicke: So sank z.B. die Arbeitslosenquote in Portugal von 17,3 Prozent im Jahr 2013 auf 9,7 Prozent im April 2017. Auch in Spanien konnten hier Erfolge erzielt werden.

Italien bleibt jedoch nach wie vor ein Sorgenkind. Die Krisenbank Monte dei Paschi sitzt auf faulen Krediten und konnte nur durch den italienischen Staat in eine „Bad Bank“ gerettet werden. Auch andere große italienische Banken machen Verluste in Milliardenhöhe. Dies dürfte den EZB-Chef Draghi antreiben die Banken weiter mit billigem Geld zu unterstützen, um keine Brandherde zu nähren.

„Quantitative Easing“ oder „die Geister die ich rief“

Viele Marktteilnehmer der Kapital- und Finanzmärkte fragen sich jedoch derzeit, warum die EZB nicht schon intensiver begonnen hat, die expansive Geldpolitik zu beenden, obwohl die Bedingungen dafür inzwischen sehr günstig erscheinen. „Das derzeitige Anleihekaufprogramm (Quantitative Easing – kurz QE) läuft bis mindestens September 2018 weiter“, so Mario Draghi. Dieses sieht vor, dass im neuen Jahr nicht nur Anleihen im Wert von bis zu 30 Milliarden Euro pro Monat zusätzlich gekauft werden, sondern darüber hinaus jeden Monat weitere knapp 10 Milliarden auslaufende Anleihen verlängert werden.

Die EZB verspricht im Rahmen ihrer Forward Guidance, die Leitzinsen auch nach dem Ende von QE für einen längeren Zeitraum auf dem gegenwärtigen Niveau zu belassen. Wie der langerwartete Ausstieg aus der expansiven Geldpolitik im Euroraum (das sogenannte Tapering) genau aussehen soll, bleibt weiter offen. Es wird spekuliert, dass Mario Draghi die derzeitige Geldpolitik gern bis zum Ende seiner Amtszeit im Herbst 2019 weiterführen würde, um das Wirtschaftswachstum anzuregen.

Angesichts der scheinbar stetig steigenden konjunkturellen Lage im EU-Raum erscheint es jedoch fraglich ob er diese Vorgehensweise gegen die Verfechter einer strikteren Geldpolitik durchhalten kann. Der jüngste Anstieg des Euro gegenüber dem Dollar zeigt das gewonnene Selbstvertrauen der EU-Wirtschaft und bildet den Markt ab, der über eine „Normalisierung“ der
Geldpolitik spekuliert. Auch eine Reduktion der Anleihekäufe auf 0 scheint kein Tabuthema zu sein. Hier wird es sicher ein zähes Ringen um die Einzelheiten innerhalb des EZB-Rates geben.

„Zu Risiken und Nebenwirkungen fragen Sie den Notenbänker Ihres Vertrauens“

Die EZB kann zum einen den Leitzins selbst und damit auch den Strafzins, den Banken an die Zentralbank für die Einlage bezahlen müssen, verändern. Des Weiteren können über Anleihenkäufe durch die Notenbanken, mit denen die langfristigen Wertpapiere in kurzfristige Liquidität transformiert werden, die Märkte gesteuert werden. Die europäischen Banken haben, anders als die amerikanischen Banken, in diesem Zinsumfeld ihre Profitabilität nur wenig gesteigert. Durch die eingelagerte Liquidität müssen die Banken Zinsen bezahlen, was zu einem niedrigeren Zinsüberschuss führt.

Das Anleihekaufprogramm zeigt auf Grund seiner für den europäischen Anleihemarkt zu groß ausgelegten Dimensionen mehr und mehr die Nebenwirkungen auf. Es gibt mittlerweile nicht mehr genug „Material“ das zum Aufkauf geeignet wäre, da auf Grund der gesetzlich festgelegten Quotierung der Anleiheankäufe von den einzelnen EU Ländern auch deutsche Anleihen gekauft werden müssen, obwohl Deutschland keine neuen Kredite bräuchte.

Amerika als Vorbild?

Amerika macht indes vor, wie der Ausstieg aus dem billigen Geld aussehen könnte:
Die Chefin der amerikanischen Notenbank (Fed) erhöhte kürzlich zum dritten Mal in 2017 die Zinsspanne. Da sie damit ihrem eingeschlagenen Weg folgte und die Zinserhöhung bereits eingepreist war, reagierten die Märkte allerdings kaum. Die Zinsanhebung ist möglich, da die Wirtschaft in den USA wieder kräftiger wächst und die Inflation (noch) niedrig ist. Indes steht der
„Trumpnahe“ Yellen-Nachfolger Jerome Powell schon in den Startlöchern. Er dürfte an der grundsätzlich wirtschaftsfreundlichen Geldpolitik wenig ändern.

Fazit und Ausblick – des einen Freud – des anderen Leid

Was bedeutet dies für die langfristigen Kapitalmarktzinsen, insbesondere für Kredite im Immobilienmarkt?

Es ist wahrscheinlich, dass sich die kurzfristigen Kapitalmarktzinssätze auch in 2018 noch nahe der vorhandenen Nullzinspolitik der EZB bewegen. Insgesamt dürfte sich die Konjunktur im Euroland weiterhin gut entwickeln. Die sich erholenden Arbeitsmärkte in der europäischen Peripherie und der noch relativ junge Konjunkturzyklus in der Währungsunion, sowie der durch Rezessionen aufgestaute Konsumstau in einigen Euroländern, könnten hier weiterhin Auftrieb verleihen.

Die Aussichten und die Verminderung der Anleihekäufe dürften zu einer steileren Zinskurve, insbesondere in den Laufzeiten 5 Jahre ff. führen. Dabei haben sich die Einstände für 10-jährige Zinsbindungen in den letzten 9 Monaten bereits verdreifacht. Obwohl hier keine extremen Ausreißer wahrscheinlich sind, dürften die Zinsen in diesem Bereich wahrscheinlich auf ein Niveau zwischen 1,5 und 2,0 Prozent für 10-jährige Zinsbindungen steigen. Schlimm wäre dies sicherlich nicht, vielmehr eine Normalisierung in einem seit Jahren außergewöhnlichen Umfeld. Für Sparer dürfte dies indes nur wenig ändern. Die Entwertung ihrer Spareinlagen geht ungehindert weiter. Kluge Anleger, Investoren und Immobilienbesitzer nutzen die Zinssätze ohnehin nicht als alleiniges Beurteilungskriterium für eine Investition, sondern sehen immer auch die langfristige Ertragsperspektive als Basis um damit in einem normalisierten Zinsumfeld positive Erträge zu erzielen.

Zinsentwicklung

 

Die Zinsmeinung steht hier als Download zur Verfügung.

 

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